Erst was man extrem oft macht, macht man auch gut
Mittelbayerische Zeitung

Gemeinschaftspraxen, Arthroskopie, ambulantes Operieren, Netzwerkideen: Ein Gespräch über früheren und neuen Wandel mit Dr. Gerhard Ascher.

Von Heinz Klein, MZ

REGENSBURG. Mehr als 20 000 Operationen und 100 000 Patienten liegen zwischen dem heutigen Tag und den ersten Anfängen im Dezember 1987. Und weil der Orthopäde Dr. Gerhard Ascher dabei stets die Nase im Wind hatte, sei ihm auch die Frage gestellt, wohin der Wind künftig weht. Schon zum Start der Praxis 1987 in Neutraubling schwebte dem Facharzt eine Kooperation mit Kollegen vor. Pläne, dies im Castra Regina Center zu verwirklichen, scheiterten an einer Baupleite. Also nahm Ascher in Neutraubling Dr. Klaus Grziwok mit in die Praxis. "Die haben uns für narrisch gehalten", erinnert er sich an Zeiten, in denen es noch kaum Gemeinschaftspraxen gab.

Erste ambulante OP

Dann kam die Einführung der Arthroskopie und gleich noch etwas Neues. "Wir waren die ersten, die Kreuzbänder ambulant operiert haben", weiß der Orthopäde: "Was damals als nicht verantwortbar kritisiert wurde, ist heute Standard bei 95 Prozent der Kreuzbandoperationen". Weil es in der Neutraublinger Praxis keine Expansionsmöglichkeiten mehr gab, probiert Gerhard Ascher wieder etwas Neues: Er ging in den Regensburger Stadtnorden und ließ sich als Arzt in einem Gewerbepark nieder.

"Das Allesmachen ist vorbei"

Dort wuchs die Praxis weiter: 1994 stieß Dr. Holger Ertelt dazu, 1996 Dr. Christoph Maluche, dann Ulrich Kreuels. Und seit 1. April sind sie nun sechs Ärzte in der Gemeinschaftspraxis. Dr. Thomas Katzhammer, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie, zuletzt Oberarzt in der Klinik Lindenlohe, komplettiert als "Schulterspezialist" das Team. Eine Nummer sieben oder acht wäre noch denkbar, dann ist das Ende der Fahnenstange erreicht, begrenzt Ascher weitere Expansion. "Wir wollen eine Praxis zum Anfassen bleiben", plädiert er für Überschaubarkeit und Patientenkontakt. Andererseits liegt die Zukunft in der Spezialisierung. "Die Zeit des Allesmachens ist vorbei. Da sind Fehler vorprogrammiert. Doch, was man extrem oft macht, das macht man gut", sagt Dr. Ascher.

Mit neuen Verfahren

Da sind zum Beispiel 6000 Kreuzband-OPs zu nennen. Holger Ertelt hat dabei sogar eine neue Operationsvariante entwickelt, bei der die Sehne über Kreuz geführt wird. "Das spart Implantatmaterial
und reduziert den Knochenverlust", erklärt er. An der Uni Brüssel durfte Ertelt die Variante voroperieren. "Das zeigt die Innovationskraft, die von den niedergelassenen Ärzten kommt. Die Kliniken leben von uns", sagt sein Kollege Ascher nicht ohne Stolz. Inzwischen dürfen und sollen die Niedergelassenen und die Kliniken miteinander kooperieren. Das war nicht immer so, erinnert sich Gerhard Ascher, der sich von Anfang an im Ärztenetz engagierte und den Netzwerkgedanken pflegte. Doch der begeisterte nicht alle chirurgischen Klinik-Chefärzte. Jetzt ist die Wiederanbindung an die Kliniken Gebot der Stunde. Man kooperiert mit der Klinik in Lindenlohe, dem Krankenhaus St. Josef und den Barmherzigen Brüdern. Wie wird die Medizin der Zukunft sein? Gerhard Ascher sieht die Zeit der großen Konstrukte kommen. Branchenfremde Investoren sind dabei, im Franchise-System flächendeckend Klinik-Ketten aufzubauen, die sich mit Facharztzentren zusammenschließen.

Warnung vor "Fließband-Medizin"

Dazu kommt nächstes Jahr die "Einheitsversicherung". Wer in Zeiten der Fallpauschalen "minimalistische Fließbandmedizin macht, ist der Gewinner. Problempatienten fallen durchs Raster", befürchtet er. Auch die Zeit der selbstständigen Ärzte sieht der Orthopäde zu Ende gehen. "Die Ärzte werden leitende Angestellte, das Oberarztgehalt wird das Maß aller Dinge". Der Ärzterundlauf gehe dann weiter: Die Schweizer Ärzte gehen in die USA, die deutschen Ärzte in die Schweiz und die polnischen Ärzte nach Deutschland. Und der Berufsstand blutet aus. Und wer operiert in unserer überalterten Gesellschaft all die schlotternden Knie, die noch gebraucht werden, weil Senioren heutzutage nicht mehr am Sofa liegen, sondern Marathon laufen? Da hat Gerhard Ascher eine für ihn persönlich ganz schreckliche Vision: "Die werden uns zum Operieren wieder aus dem Altersheim holen".

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