Cluster stärken die regionale Innovationsfähigkeit
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Mittelbayerische Zeitung

Aktuelle Diskussionsbeiträge zur Entwicklung des Gesundheitssystems

Von Univ. Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Oberender

Die letzten Monate haben gezeigt, wie schnell das Konjunkturklima kippen kann. Die Folgen der Krise an den Finanzmärkten sind auch auf regionaler Ebene branchenübergreifend spürbar. Umso wichtiger ist es für eine Region, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren und langfristige Wachstumspotenziale abzusichern. Innovative Dienstleistungen und Produkte im Bereich der Gesundheitswirtschaft können hier wertvolle Beiträge leisten, wobei sich zur Förderung innovationsfreundlicher Rahmenbedingungen Cluster anbieten.
Ein Cluster kann als regional begrenzte Ansammlung von vernetzten, spezialisierten Firmen, Dienstleistern, Anbietern aus angrenzenden Industrien sowie Forschungs-/Bildungseinrichtungen definiert werden. Zwischen diesen Akteuren herrschen Wechselwirkungen, die günstigenfalls zu positiven Rückkopplungen / Synergien führen.
Es bestehen zwar schon vielfältige Kooperationen zwischen Gesundheitsdienstleistern und der Industrie, aber im Unterschied hierzu verfolgt ein Cluster zielgerichtet die koordinierte Kopplung verschiedenster Leistungserbringer entlang der Wertschöpfungskette. Dies bedeutet im Gesundheitswesen die Zusammenarbeit über Sektorengrenzen hinweg, also die Kooperation ambulanter und stationärer Anbieter ebenso wie einen verstärkten intrasektoralen Austausch (z. B. Patientenwanderung zwischen Fachärzten). Dabei wird die bestmögliche Behandlung angestrebt.
Das Ziel des Cluster-Gedankens muss stets die Verwirklichung einer "win-win-Situation" sein. Zum einen profitieren die Leistungserbringer durch konstante Patientenströme, während zum anderen die Patienten von einer kompetenten Behandlung profitieren, die - in Wohnortnähe - noch stärker auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist. Ein Cluster kann das Niveau der Versorgung steigern, da ein interner Qualitätsanspruch im Eigeninteresse aller liegt und aufgrund des wachsenden gegenseitigen Vertrauens zwischen den Mitwirkenden eventuell bestehende Unsicherheiten reduziert werden.
Von besonderer Bedeutung ist die enge Vernetzung mit anwendungsorientierten Hochschulen. Ein Lehrstuhl für Medizininformatik beispielsweise, der eng mit lokalen Krankenhäusern, Medizintechnik- und IT-Unternehmen kooperiert, kann die Akquisitionsbemühungen um Hochschullehrer und Studenten fördern, Nachwuchskräfte für den lokalen Arbeitsmarkt ausbilden und die Entwicklung innovativer Medizinprodukte und -technologien sowie telemedizinischer Anwendungen unterstützen.
Es gilt allerdings, klare Schwerpunkte zu setzen, da sich auch Cluster zunehmend im Wettbewerb behaupten müssen. Die gezielte Definition der gemeinsamen Strategie erhöht die Wettbewerbsfähigkeit und fördert die Innovationskraft, was letztlich zu wachsenden Forschungsbudgets und Industrieansiedlungen führen kann. Ein Beispiel stellt "healthcare.Saarland" dar: Die Teilnehmer haben sich auf Lösungen rund um das Thema "Ambient Assistent Living" spezialisiert. Darunter versteht man die Kopplung von Technik, Intelligenz und Dienstleistung mit dem Ziel, hilfebedürftigen Menschen ein möglichst selbständiges Leben zu ermöglichen. Dies ist im Hinblick auf die demografische Entwicklung eine durchaus zu begrüßende Fokussierung.
Interessant ist, dass derartige Ergebnisse nur durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit verschiedenster Partner möglich sind (Medizintechnik, Pflegedienste, Mediziner, Telemedizinanbieter, Ingenieure...). Die Produktpalette ist weitreichend. Zu nennen wären im konkreten Fall beispielsweise: einfache Haushaltshilfen wie automatische Rollläden, automatische Herdabschaltung, altersgerechte Kommunikationssysteme, Notrufsysteme, durch die auf Knopfdruck ein Pflegedienst benachrichtigt werden kann, intelligente Systeme zur Medikamentenausgabe mit Erinnerungsfunktion oder medizinische Monitoring-Systeme, die eine ständige Überwachung individueller Vitalfunktionen möglich machen.
All dies zeigt, dass eine Cluster-Vernetzung nicht nur für die Akteure und die Attraktivität einer Region vorteilhaft ist, sondern die so ausgelösten Innovationen auch einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der medizinischen Versorgung haben können.

Einige Informationen zum Gastautor, der seine Analysen/Thesen zur Entwicklung des deutschen Gesundheitssystems bereits mehrfach beim alljährlichen MediPark-Fachforum mit der regionalen Ärzteschaft und Repräsentanten der großen Kliniken diskutiert hat:

Univ. Prof. Dr. Dr. h. c. Peter Oberender
Seniorpartner Oberender & Partner
Nürnberger Straße 38
Forschungsstelle für Gesundheitsökonomie und Sozialrecht
Universität Bayreuth
95448 Bayreuth
www.oberender-online.de
E-Mail: peter.oberender@uni-bayreuth.de